Die Zauberflöte von Otto Dietz und Galina Belousova



Die Zauberflöte – erzählt in Lack und Licht
Bücher entstehen nicht immer aus einem Plan, sondern manchmal einfach aus einer Faszination heraus. So war es auch bei diesem.
Die Zauberflöte – ein Werk von Wolfgang Amadeus Mozart, das seit Jahrhunderten zu den großen Erzählungen der europäischen Kultur gehört, eine Oper, die Märchen ist und Aufklärung zugleich, voller Bilder, Symbole und Bedeutungen.
Und dann begegnet man plötzlich einer anderen Form dieser Geschichte. Nicht auf der Bühne oder im Notentext, sondern auf kleinen, unscheinbaren Objekten: Lackdosen.
Diese Form der Miniaturmalerei hat in Russland eine eigene, lange Tradition.
Ihre Wurzeln liegen in der Ikonenmalerei – jener streng komponierten, spirituell aufgeladenen Bildsprache der orthodoxen Kirche. Als nach der Revolution von 1917 die religiöse Kunst ihre Grundlage verlor, fanden viele der Ikonenmaler einen neuen Weg. Sie begannen, ihre Kunst auf kleine Gegenstände zu übertragen. Aus Holz wurden Pappmachéformen, aus Heiligenbildern erzählerische Szenen, aus liturgischer Strenge eine neue, beinahe märchenhafte Bildwelt. Orte wie Palekh, Fedoskino oder Mstjora wurden zu Zentren dieser Kunst. 1925, auf der Pariser Weltausstellung, trat diese neue Form erstmals international in Erscheinung – und faszinierte sofort durch ihre Feinheit, ihre Farbigkeit und ihre fast unwirkliche Detailgenauigkeit.
Es ist eine Malerei, die Geduld verlangt. Und eine, die Zeit sichtbar macht. In diese Tradition stellt sich die Arbeit von Galina Belousova.
Über Jahre hinweg hat sie die Handlung der Zauberflöte Szene für Szene auf Lackdosen übertragen. Jede einzelne Miniatur ist ein eigenständiges Kunstwerk – reich an Ornament, durchzogen von Goldlinien, voller Bewegung und zugleich von einer fast meditativen Ruhe.
Gemeinsam mit Otto Dietz entstand daraus ein Buch, das mehr ist als eine Dokumentation. Es ist der Versuch, diese Kunstform in ein anderes Medium zu überführen, ohne sie zu verlieren.
Hier beginnt das, was ein Buch leisten kann – und andere Medien kaum. Denn diese Miniaturen lassen sich nicht einfach »zeigen«. Sie müssen übersetzt werden.
Die Dosen wurden aufwendig fotografiert, jede Spiegelung kontrolliert, jedes Detail herausgearbeitet. Im Druck wurde versucht, nicht nur die Farben, sondern auch die Tiefe der Lackschichten sichtbar zu machen. Partielle Lackierungen im Buch greifen die Oberfläche der Originale auf – sie reflektieren das Licht, verändern sich je nach Blickwinkel, kommen dem Objekt erstaunlich nahe. Das Buch wird so selbst zu einem Objekt.
Zu etwas, das man nicht nur betrachtet, sondern in die Hand nimmt, dreht, ins Licht hält.
Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Es gibt Inhalte, die sich im Digitalen zwar reproduzieren lassen – aber nicht erfahren.
Die russische Kultur, aus der diese Arbeiten hervorgegangen sind, ist reich an solchen Erfahrungen. Sie hat, trotz aller politischen Brüche und Widersprüche, eine Tiefe hervorgebracht, die unbestreitbar ist. Man denke an Leo Tolstoi oder Fjodor Dostojewski, an die Musik eines Pjotr Iljitsch Tschaikowski oder Sergei Rachmaninow, an die vollendete Handwerkskunst eines Peter Carl Fabergé.
All das gehört zu Europa. Auch wenn wir uns heute schwer damit tun. Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzusehen.
Dieses Buch ist aus dieser Überzeugung entstanden. Aus der Faszination für eine Kunstform, die im Kleinen das Große erzählt.
Aus dem Wunsch, ihr einen Raum zu geben, der ihrer würdig ist. Und aus dem Vertrauen darauf, dass es Leserinnen und Leser gibt, die bereit sind, sich auf diese Form der Betrachtung einzulassen.
Langsam – Aufmerksam – Zwischen den Seiten.
Bibliografische Angaben:
Die Zauberflöte von Otto Dietz und Galina Belousova
Erschienen 2015 in der Edition Schaumberg
Festeinband, Format 23 x 28 cm, 72 Seiten, 650 g, ISBN 978-3-941095-32-8, 29,95 €

